Einführung
Der Strich durchs Herz
Biologen, Neurowissenschaftler und das neue Interesse an der Moral
Wann sollte sich das Wesen des Menschen deutlicher zeigen als zu Zeiten gnadenloser Herausforderung?
In Stalinschen Straflagern hatte der russische Schriftsteller,
Bürgerrechtler und spätere Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn
elf Jahre lang Gelegenheit, die menschliche Natur eingehend zu studieren. Die der
Peiniger, die der Mitgefangenen, auch die eigene. Das Ergebnis hat ihn angesichts
einer von Menschen bereiteten Hölle, durch die er gehen musste, selbst
überrascht:
„Wenn es nur so einfach wäre! – dass irgendwo schwarze Menschen mit böser Absicht schwarze Werke vollbringen und es nur darauf ankäme, sie unter den übrigen zu erkennen und zu vernichten. Aber der Strich, der das Gute vom Bösen trennt, durchkreuzt das Herz eines jeden Menschen. ... Während der Lebensdauer eines Herzens bleibt dieser Strich nicht unbeweglich, bedrängt einmal vom frohlockenden Bösen, gibt es dann wieder dem aufkeimenden Guten Raum. Ein neues Lebensalter, eine neue Lebenslage – und ein und derselbe Mensch wird ein sehr anderer.“¹
Es ist eine Menschheitsfrage und zugleich die Frage jedes einzelnen Menschen: Wo durchkreuzt diese Linie mein eigenes Herz? Und warum fällt es manchmal nicht nur schwer, gut zu sein, sondern auch, überhaupt zu erkennen, was gut ist?
Moralische Fragen umgeben uns und durchdringen unseren Alltag. Interessen, Rechte, Ansprüche stoßen aufeinander und führen zu Kampf oder Kompromiss. So ist das in Partnerschaften und Familien, bei der Arbeit, in der Gesellschaft, in der wir leben, und nicht anders ist es in der globalen Gemeinschaft der Völker, die sich zum Beispiel entscheiden muss, wie sie mit den endlichen Gütern umgehen will, die der Menschheit zur Verfügung stehen.
Wir können den Fragen nach dem Gebotenen und Verbotenen, dem Guten und Bösen nicht entgehen. Wo immer Menschen miteinander leben, stehen sie unausweichlich vor der Entscheidung, wie sie einander behandeln wollen.
Philosophen suchen also nach Wegen aus moralischen Dilemmata. Biologen forschen nach der animalischen, aus der Evolution erwachsenen Basis menschlichen Verhaltens. Allerdings wird es dabei immer schwieriger, zu definieren, wo die Biologie aufhört und vielleicht etwas anderes – Geist, Kultur – anfängt. Die Grenzen verschwimmen.
Inzwischen ist noch eine weitere, hochproduktive und allmählich das gesamte Feld dominierende Gruppe hinzugekommen, um Menschheitsfragen wie die nach dem Ursprung und Wesen der Moral zu beantworten: die Neurowissenschaftler. In ihrem Umfeld entstand sogar vor kurzem eine ganz neue Disziplin, die Neuroethik. Etliche der beteiligen Forscher erwarten von ihr nicht weniger als den Entwurf eines neuen Menschenbildes.
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¹Solschenizyn, A. 1974: Der Archipel Gulag, München: Scherz, S. 167