Aus Vernunft und Einsicht?
„Um Gut’s zu tun, braucht’s keiner
Überlegung.“
Johann Wolfgang von Goethe, Iphigenie auf Tauris
Wer die Nachrichten verfolgt, kann leicht den Eindruck gewinnen, unsere Gesellschaft befände sich im rasanten moralischen Niedergang. Mal sind es zockende Banker und unappetitliche Parteiintrigen, Korruption und Steuerhinterziehungen, die unser Vertrauen in den Wert von Wahrheit und Gerechtigkeit erschüttern. Ein anderes Mal prügeln Jugendliche einen Rentner fast zu Tode oder bringen sich gegenseitig um. Dann wieder hören wir von Eltern, die ihre Kinder grausam vernachlässigen oder sonstwie misshandeln und uns so womöglich den letzten Glauben an das Gute im Menschen rauben.
Natürlich will an dieser Entwicklung keiner schuld sein. Einer zeigt auf den anderen, macht den für den vermeintlichen oder tatsächlichen Verfall der Sitten verantwortlich. Die "kleinen Leute" beschimpfen "die da oben" und bekommen womöglich zu hören, sie seien ja selbst nicht besser. "Mehrheitsgesellschaft" und "Migranten" werfen sich gegenseitig vor, zu wenig für ein Miteinander der Menschen hierzulande zu tun. Jugendliche und Ältere beklagen die Rücksichtslosigkeit der jeweils anderen oder stehen sich einfach nur sprachlos gegenüber. Und dann?
"Wir brauchen neue Werte!", rufen Politiker in Talkshows und werden dafür oft sogar beklatscht. Aber was heißt das eigentlich? Wer "erfindet" denn einen moralischen Wert oder "beschließt" ihn? Und wer setzt ihn durch oder wirbt dafür und überzeugt genügend andere?
Wie selbstverständlich reden wir tagtäglich über Moral und Verantwortung, über Vorbilder und Werte. Doch wie genau müssen wir uns den "moralischen Menschen" vorstellen? Wie "tickt" er? Wie kommen wir zu unseren Urteilen und nehmen Verantwortung wahr? Ohne Antworten auf diese grundsätzlichen Fragen können wir auf die zunehmenden sozialen Probleme bei uns und weltweit nicht angemessen reagieren.
Moralische Regeln gibt es, wo immer Menschen zusammenleben, auch wenn sich nicht immer alle an diese Regeln halten. Noch im schlimmsten Knast herrscht so etwas wie ein Ehrenkodex.
Aber warum ist das so? Liegt die Moral in unserer Natur? Ist es gar erst das Gewissen, das uns zum Menschen macht? Wann ergreifen unser Herz Gefühle wie Mitleid, Schuld, Scham, Solidarität oder Dankbarkeit? Und warum verlangt es zu einem anderen Zeitpunkt nach Rache oder fordert Bestrafung?
Früher waren es vor allem Priester und Philosophen, die auf solche Fragen geantwortet haben. Seit einiger Zeit aber versuchen zum Beispiel auch Biologen und Neurowissenschaftler das komplexe Verhalten des Menschen zu begreifen. Moderne Untersuchungsverfahren erlauben es heute, unser sozial handelndes Gehirn in Aktion zu beobachten. Auch wenn die Interpretation der Resultate selten einfach ist, tritt so doch immer deutlicher das naturwissenschaftliche Bild des "moralischen Menschen“ hervor - mit weit reichenden Folgen.
Dass wir weder vollständig gut noch böse geboren werden, haben wir zwar sicher auch schon ohne Genanalysen und Hirnscans geahnt. Von etlichen anderen Überzeugungen aber werden wir uns verabschieden müssen. Etwa von der gängigen Meinung, es müsse tief in uns eine "absolute Moral" geben, ewige Werte, die unabhängig von der Kultur sind, in der wir leben.
Und auch die Auffassung, dass es vor allem unser Verstand ist, der unser moralisches Wollen und Handeln leitet, bedarf der Korrektur. Einem Verfall der Sitten - tatsächlich oder nur vermutet - wird gewöhnlich das immer selbe Heilmittel verordnet: Vernünftig müssten wir werden, heißt es dann, und die Werte wieder bewusst stärken. Die Forschung der letzten Jahre aber belegt Stück für Stück, dass solche Appelle ins Leere gehen. Zwar wünschen wir uns für unser soziales Handeln den Vorrang des Verstandes, hoffen auf nüchterne Sachlichkeit und Einsicht in die Notwendigkeiten.
Doch, so zeigt sich immer klarer, auch bei der Moral kommt zuerst das Gefühl.
|Kommentare? Anregungen? Fragen?|
Letzte Aktualisierung: 15.11.2009